"Ohne Sanierung wird es richtig teuer"
Stand: März 2025
Hohe Heizkosten, steigender CO2-Preis, wachsender Druck auf die Stromnetze – der Gebäudesektor steht vor großen Herausforderungen. Doch mit einer klugen Sanierungsstrategie lassen sich Kosten senken, Energie sparen und der Wohnkomfort steigern.
Prof. Andreas Holm, Leiter des FIW München und Professor für Bauphysik an der Hochschule München, erklärt, warum Sanierung ein Konjunkturmotor ist, welche Fehler man vermeiden sollte und wie Gebäude fit für die Zukunft werden.
Herr Prof. Holm, warum ist die Sanierungsrate so entscheidend für die Klimaziele?
Der Gebäudebereich ist für rund ein Drittel des Energieverbrauchs in Deutschland verantwortlich – wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, müssen wir diesen Verbrauch drastisch senken. Die Sanierungsrate spielt dabei eine zentrale Rolle, weil sie bestimmt, wie schnell ineffiziente Gebäude modernisiert werden. Und sie ist vor allem bei der Gebäudehülle heute mit 0,7 Prozent pro Jahr viel zu niedrig. Wir bräuchten ungefähr das Dreifache! Dafür müssen wir zwei Dinge gleichzeitig angehen: Wir müssen die energetische Qualität der Gebäudehülle durch Dämmung und bessere Fenster erhöhen und bei der Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien umstellen. Nur wenn beides Hand in Hand geht, erreichen wir eine nachhaltige Reduktion von Energieverbrauch und CO2-Emissionen.
Welche wirtschaftlichen Effekte hat eine höhere Sanierungsrate?
Sanierung ist mehr als Klimaschutz – sie ist auch ein massives Konjunkturprogramm für die Regionen. Die meisten Arbeiten werden von kleinen, lokalen Handwerksbetrieben ausgeführt, die in etwa zehn bis zwanzig Mitarbeitende haben. Und auch die Materialien zur Steigerung der Energieeffizienz wie Dämmstoffe und Fenster kommen meist aus einem Umkreis von wenigen hundert Kilometern. Die volkswirtschaftliche Bedeutung wird noch klarer, wenn man sich vor Augen hält: Jeder geförderte Euro, der in eine Sanierung investiert wird, löst sechs bis zehn Euro an wirtschaftlicher Aktivität aus. Das bedeutet nicht nur sichere Arbeitsplätze, sondern stärkt auch den regionalen Mittelstand.
Trotzdem bleibt die Sanierungsrate niedrig. Was bremst die Entwicklung?
Da kommen mehrere Faktoren zusammen. Zunächst einmal eine gewisse Unsicherheit bei Eigentümerinnen und Eigentümern: Viele wissen nicht genau, welche Maßnahmen sinnvoll sind, welche Fördermöglichkeiten es gibt und wie sich langfristig Kosten einsparen lassen. Diese Unsicherheit führt dazu, dass sogar mitunter verfügbare Fördermittel nicht abgerufen werden. Zudem fehlt es an einer langfristigen politischen Strategie. Wenn Förderbedingungen immer wieder geändert werden oder über gesetzliche Vorgaben diskutiert wird, zögern viele Menschen ihre Entscheidungen hinaus. Dazu kommt, dass Sanierungen oft nur als zu teuer wahrgenommen werden – es wird einfach unterschätzt, welche Einsparungen langfristig möglich sind und welche zusätzlichen positive Effekte wie bessere Hygiene, Komfort oder Steigerung der Leistungsfähigkeit parallel dazu einhergehen. Ein weiteres Thema ist der Fachkräftemangel. Noch ist er nicht das größte Problem, weil die Bauaktivität insgesamt zurückgeht, aber in Zukunft brauchen wir mehr qualifizierte Fachkräfte für energetische Modernisierungen.
Wäre mehr Energieeffizienz auch ein Schlüssel zur Entlastung der Stromnetze?
Absolut! Besonders im Zusammenhang mit der Elektrifizierung des Wärmesektors – also dem Einsatz von Wärmepumpen – spielt die Effizienz eines Gebäudes eine zentrale Rolle. Jede eingesparte Kilowattstunde muss erst gar nicht produziert und transportiert werden. Ein schlecht gedämmtes Haus benötigt eine größere Wärmepumpe mit einer höheren Stromaufnahme, was das Netz stark belastet. Und auch andere Sektoren wie der Verkehr haben mit E-Autos eine steigende Stromnachfrage. Wenn wir aber Gebäudehülle und Anlagentechnik gemeinsam optimieren, reduziert das den Gesamtbedarf an Strom, entlastet die Stromnetze und verbessert die Netzstabilität. Somit reduzieren wir die Notwendigkeit teurer Netzausbauten und sparen den Haushalten Geld.
Was droht den Menschen, die mit Öl- oder Gas heizen, wenn ab 2027 der CO2-Preis vom Markt bestimmt wird?
Ohne die staatliche Festlegung wird er voraussichtlich steigen. Haushalten mit Gas- oder Ölheizung drohen damit Hunderte Euro Mehrkosten pro Jahr, die immer weiter steigen werden. Denn hinzukommt: Je mehr Menschen auf Wärmepumpen oder Fernwärme umsteigen, desto teurer wird das Gasnetz für die verbleibenden Nutzer. In manchen Regionen droht sogar die Stilllegung. In Mannheim wurde das bereits für 2035 angekündigt. Wer jetzt noch fossil heizt, sollte mittelfristig über Alternativen nachdenken – aus Klimaschutz-, aber vor allem aus Kostengründen.
Wer sein Haus sanieren will, steht oft vor der Frage: Wo fange ich an?
Der erste Schritt sollte immer eine professionelle Beratung sein. Energieberaterinnen und Energieberater analysieren den Zustand des Gebäudes und erstellen auf Wunsch einen individuellen Sanierungsfahrplan. Dieser zeigt auf, welche Maßnahmen wann sinnvoll sind und wie sie sich am besten kombinieren lassen. Ob man mit der Hülle beginnt oder zuerst die Heiztechnik modernisiert, hängt vom individuellen Zustand des Gebäudes ab. Wichtig ist, sogenannte Lock-in-Effekte zu vermeiden. Sie entstehen, wenn man eine Sanierungsmaßnahme durchführt, die später andere sinnvolle Schritte erschwert oder unnötig verteuert. Zum Beispiel wenn man viel Geld in eine große, leistungsstarke Wärmepumpe investiert, die nach einer Dämmung der Gebäudehülle wenige Jahre später völlig überdimensioniert ist. In vielen Fällen macht es also Sinn, zuerst die Hülle zu optimieren, weil dadurch die Heizlast sinkt – und damit auch die Investitionskosten für eine neue Heizung.
Welche Vorteile bringt eine bessere Energieeffizienz für Hausbesitzende und Mieterinnen und Mieter?
Energieeffizienz ist mehr als nur Kosteneinsparung – sie erhöht auch den Wohnkomfort. In schlecht gedämmten Gebäuden gibt es oft kalte Wände und Zugluft. Das führt dazu, dass Bewohnerinnen und Bewohner die Heizung höher aufdrehen. Durch eine Sanierung bleibt die Wärme im Haus, die Raumtemperatur kann gesenkt werden, ohne dass es ungemütlich wird. Das steigert nicht nur die Behaglichkeit, sondern beeinflusst auch die Gesundheit positiv. Zudem steigert eine energetische Sanierung langfristig den Immobilienwert, da energieeffiziente Gebäude in Zukunft stärker gefragter sein werden.
Was muss politisch passieren, um die Sanierungsrate zu steigern?
Drei Dinge sind besonders wichtig. Erstens eine verlässliche Förderung: Sanierungen sind langfristige Investitionen – Förderprogramme müssen daher stabil und planbar sein, damit Eigentümerinnen und Eigentümer nicht ständig auf neue Regelungen warten. Zweitens die Beibehaltung der ordnungsrechtlichen Vorgaben: Eine Lockerung wäre kontraproduktiv. Es gibt den Mythos, dass sich die Effizienzvorgaben für den Gebäudebestand in den letzten Jahren ständig verschärft hätten. Das ist aber bereits seit 2009 nicht mehr der Fall gewesen. Und drittens bessere Information: Es geht um Aufklärung. Viele Menschen wissen nicht, wie sie am besten sanieren und welche finanziellen Vorteile sie haben. Eine umfassende Informationskampagne kann hier enorm helfen.
Zum Abschluss: Welche Botschaften sind Ihnen besonders wichtig?
Sanierung lohnt sich! Wer investiert, spart langfristig Geld, erhöht den Wohnkomfort und steigert den Wert seiner Immobilie. Gebäudetechnik allein reicht nicht. Eine Wärmepumpe funktioniert nur optimal, wenn auch die Gebäudehülle verbessert wird. Beides gehört zusammen. Den Energieberaterinnen und Energieberatern wünsche ich viel Mut! Machen Sie weiter, lassen Sie nicht nach: Mit Ihrer Schlüsselposition für die Energiewende können Sie objektiv und neutral mit den zirkulierenden Fake News aufräumen!
Über Prof. Andreas Holm
Prof. Dr.-Ing. Andreas Holm leitet das Forschungsinstitut für Wärmeschutz e.V. München (FIW München) und ist Professor für Bauphysik und Energiesparendes Bauen im Hochbau an der Hochschule München. Seit Jahrzehnten forscht er zu energieeffizientem Bauen und Sanieren und ist in Normungsgremien aktiv, um Wärmeschutzstandards weiterzuentwickeln.
Netzwerkpartner des Gebäudeforums klimaneutral
Das FIW München wurde im Jahr 1918 als Spin-off der Technischen Universität in München mit der Aufgabe gegründet, die praktische Verbesserung der Wärmeausnutzung voranzutreiben. Neben der Erforschung von wissenschaftlichen Zusammenhängen und der Suche nach qualitativ und wirtschaftlich überzeugenden Dämmstoffen und Dämmstoffsystemen festigte das Institut seinen Ruf als unabhängige und qualitativ hochwertige Prüfinstanz und wissenschaftliche Institution.